- Einleitung
- Ziel und Konzept der Naturerlebnis-Pädagogik
- Wertevermittlung
- Wissen über Ökologie
- Förderung von Handlungskompetenzen
- Grundlegende pädagogische Prinzipien naturerlebnispädagogischer Seminare
- Ganzheitliches Lernen
- Lernen in der Gruppe
- Vorleben statt Lehren
- Freiwilligkeit und Selbstverantwortung
- Gewaltfreiheit und Tolerant
- Freundliche Atmosphäre
- Ernstcharakter
- Literaturverzeichnis
Die Naturerlebnis-Pädagogik gewinnt in der pädagogischen Praxis zunehmend an Bedeutung. Dabei steht sie neben vielen weiteren Ansätzen aus den unterschiedlichen Bereichen der Umweltbildung vor der Aufgabe, der ständig fortschreitenden Entfremdung der Menschen von der Natur entgegen zu wirken. Die Popularität der Naturerlebnis-Pädagogik ist nicht zuletzt darin begründet, daß sie einen Ansatz bietet, der den Menschen als Ganzheit wahrnimmt und ihn in seinen positiven Entwicklungsmöglichkeiten stärkt.
Grundlage der Naturerlebnis-Pädagogik ist das humanistische Menschenbild aus der Humanistischen Psychologie, das besagt:
Der Mensch ist das einzige Wesen auf der Erde, welches die Möglichkeit besitzt, unseren Planeten aus eigener Kraft nachhaltig zu zerstören. Wir haben aber auch die Fähigkeit, unser Handeln zu reflektieren und uns für den Schutz des Lebens auf der Erde einzusetzen. Diese gleichzeitig zerstörenden und erhaltenden Fähigkeiten verpflichten uns, die Verantwortung für ein gleichberechtigtes Leben aller Wesen auf diesem Planeten anzunehmen.
Ziel der Naturerlebnis-Pädagogik ist es, einen partnerschaftlichen Umgang des Menschen mit Natur zu fördern. Dabei muß von der noch weitgehend bestehenden Trennung von Mensch und Natur ausgegangen werden. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind sich ihrer Einheit mit der Natur nicht bewußt und leben gegen die natürlichen Gesetzmäßigkeiten. An dieser Stelle muß eine pädagogische Konzeption ansetzen, ein Bewußtsein für die Verbundenheit des Menschen mit Natur schaffen und Handlungsalternativen im Umgang mit Natur anbieten.
In den naturerlebnispädagogischen Seminaren werden Werte, Wissen und Handlungskompetenzen vermittelt, die das ökologische und soziale Handeln der Teilnehmenden fördern:[1]
1) Wertevermittlung - Achtung vor NaturDie Vermittlung von Werten nimmt in der Naturerlebnis-Pädagogik einen zentralen Platz ein. Es ist das Ziel, Achtung vor allem Leben und eine Liebe und Verbundenheit zur Natur zu vermitteln.
Alle Wesen auf der Erde haben das gleiche Recht auf Leben und sind ein Teil des Regulationssystems des Planeten.[2] Daher muß jeder Art von Leben auf der Erde Liebe, Respekt und Wertschätzung entgegengebracht werden. Menschen sind ein Teil der Natur. Das bedeutet, daß eine Liebe zur Natur auch eine Liebe zu den Menschen mit einschließen muß. Wenn sie lernen untereinander und mit der Natur in Frieden zu leben, kann das Ziel einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Mensch und Natur erreicht werden.
2) Wissen über ÖkologieEin weiteres zentrales Anliegen der Naturerlebnis-Pädagogik ist es, Wissen über Ökologie zu vermitteln.
Nehme ich Natur wahr, lasse sie in mein Bewußtsein und achte sie, muß ich zusätzlich Wissen über Natur erwerben, um natürliche Zusammenhänge verstehen zu können. Dieses Verstehen macht es mir erst möglich, nach den natürlichen Gesetzmäßigkeiten zu leben und die Natur als gleichberechtigte Partnerin anzuerkennen.
Außerdem ermöglicht uns der direkte Kontakt mit Natur, ein Lernen durch Erleben. Dinge werden damit nicht indirekt durch Bücher oder andere Medien ausschließlich kognitiv vermittelt, sondern die ganze Person ist beteiligt. Pestalozzi prägte den Ausspruch vom Lernen mit "Kopf, Herz und Hand". Lerninhalte werden so vermittelt, daß der Verstand (Kopf), die Emotionen (Herz) und das Bedürfnis nach Tätigkeit bzw. Handlung (Hand) angesprochen und befriedigt werden.[3]
Der Wissenserwerb muß allerdings im Zeichen einer Liebe zur Natur stehen. Die Achtung des Lebens auf der Erde sollte allem Streben nach neuem Wissen zugrunde liegen. Nur so kann meiner Meinung nach ein notwendiges Verantwortungsgefühl gegenüber Mensch und "außermenschlicher" Natur gewährleistet sein.
3) Förderung von Handlungskompetenzen:Die Förderung von sozialen Fähigkeiten und Persönlichkeitsbildung bilden einen weiteren wichtigen Eckpfeiler im Konzept der Naturerlebnis-Pädagogik. Eine Achtung vor und Wissen über Natur reichen allein nicht aus. Menschen müssen Verantwortung für die Natur und damit auch für sich und andere Lebewesen übernehmen.
Um Verantwortung tragen zu können muß erst einmal ein unmittelbarer Kontakt des Menschen mit Natur hergestellt werden. In der genauen Betrachtung und Beschäftigung mit den verschiedenen Formen des Lebens entsteht unweigerlich eine Beziehung des Menschen zu dem von ihm untersuchten Lebewesen. Diese Beziehung wird ihn dieses Lebewesen nicht mehr so leicht mißachten lassen, wie schon der Fuchs im Roman "Der kleine Prinz" sagte: "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast."[4] Sind uns Pflanzen und Tiere nicht mehr fremd, haben wir eine Vertrautheit zu ihnen entwickelt, ist eine Voraussetzung für ein schützendes Verhalten erfüllt. So kämpfen wir z.B. für die Erhaltung des Baches, an dem wir als Kinder spielten, oder des Baumes, unter dessen Blätterdach wir im Sommer saßen.
Um Verantwortung für die Natur und das eigene Handeln übernehmen zu können, ist zudem die Ausbildung einer Reihe menschlicher Fähigkeiten sinnvoll und hilfreich. Kreativität und Phantasie, Mündigkeit, soziale Fähigkeiten, positives Denken und das Üben von Verzicht seien hier genannt. Diese Eigenschaften können sich positiv auf gesellschaftliche Veränderungen auswirken. Sie können demnach indirekt zur Erreichung des Zieles, eines partnerschaftlichen Umgangs mit Natur, beitragen.
Für die Aufhebung der Trennung zwischen Mensch und Natur sind eine Vielzahl an gesellschaftlichen Veränderungen nötig. Neue Lebensweisen und Formen des Umgangs mit Natur müssen gefunden werden. Hier sind kreative und phantasievolle Menschen gefordert, um neuartige und gangbare Wege für die Zukunft zu suchen. Im kreativen Prozeß erschaffen Menschen Neues aus Bestehendem und finden außergewöhnliche Kombinationen, was neue Wege zu einer Partnerschaft zwischen Mensch und Natur eröffnet.
PersönlichkeitsbildungUm bestehende Gesellschaftsstrukturen in Frage zu stellen und Kritik an allgemein Anerkanntem zu üben, müssen Menschen genügend Selbstbewußtsein und Ich-Stärke besitzen. Sie müssen selbständiges Denken und Handeln lernen.
Sie müssen fähig werden, Urteile zu fällen. Mikelskis erachtet die Ausbildung von Urteilskraft als hohes Ziel einer ökologischen Bildung: "Urteilskraft entwickeln heißt [...] die wichtigen von den unwichtigen Argumenten, die richtigen von den falschen Aussagen zu unterscheiden, sich selbst Wissen anzueignen und letztlich zu einem abgesicherten Urteil zu kommen. Das muß immer ein vorläufiges sein, vorbehaltlich neuerer Erkenntnisse. Aber es sollte prinzipiell als von gleichem Wert betrachtet werden, wie eines von Experten."[5]
Auch hier spielt wieder die Bedeutung der kritischen Hinterfragung von Wissen hinein. Menschen müssen befähigt werden, die Informationen, die täglich auf sie einströmen, kritisch betrachten und bewerten zu können. Zusätzlich müssen sie Mut zur Veränderung besitzen: "Persönlichkeitswachstum ist der permanente Prozeß des Wagens von vorübergehender Unsicherheit, des neuen Ausbalancierens und wieder das Wagnis der nächsten Unsicherheit. Nur wenn wir uns trauen, unseren Körper in ein Ungleichgewicht zu bringen, werden wir uns vorwärts bewegen. Dies gilt für jeden Schritt den wir tun, ebenso wie für jedes neue Erleben, auf das wir uns einlassen."[6]
Darüber hinaus müssen Menschen erkennen, daß sie den Bedingungen ihres Umfeldes nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern daß sie Veränderungen bewirken können, wenn sie auf ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten vertrauen. Nach Walter ist die Klage einer Person über das Ausgeliefertsein an irgendeine Bedingung häufig mehr ein Ausdruck ihrer resignativen Einstellung und der subjektiv erlebten Erschöpfung als die Darstellung der tatsächlichen Situation.[7] Wir haben immer die Möglichkeit, uns für eine Alternative zu entscheiden.
Förderung soziale FähigkeitenNeben kreativen Fähigkeiten und einer starken Persönlichkeit muß ein Mensch eine Vielzahl sozialer Fertigkeiten besitzen, wenn er zu einer Veränderung in der Gesellschaft beitragen möchte.
Das partnerschaftliche Leben mit Natur kann meiner Meinung nach im partnerschaftlichen Umgang mit anderen Menschen eingeübt werden und gleichzeitig eine Partnerschaft mit der menschlichen Natur begründen. Denn lerne ich im Umgang mit anderen Menschen, Rücksicht zu nehmen und Schutz zu geben, werde ich eher fähig sein, diese Haltung auf andere Lebewesen auszuweiten, als wenn mir ein rücksichtsvoller Umgang völlig fremd ist.
Fromm sieht ähnlich eine Beziehung zwischen einer Mißachtung von Natur und Mensch: "die Geringschätzung der Natur führt auch zur Geringschätzung des Menschen (Säkularisierungsprozeß)."[8] So ist es schwer vorstellbar, daß ein Mensch, der Tiere quält, dieses Verhalten Menschen gegenüber nicht auch in irgendeiner Weise zeigt.
Es sind eine Vielzahl gesellschaftlicher Veränderungen notwendig, die von uns geleistet werden müssen. Sich dabei aber gemeinsam in einer Gruppe Gleichgesinnte/-r zu engagieren kann erfolgreicher sein, als allein zu kämpfen. Das setzt wiederum die Bereitschaft voraus, den anderen Menschen zu vertrauen und ihnen im Gegenzug ebenfalls Sicherheit zu geben. Hierfür können das Einüben von Kooperations- und Kommunikationsfähigkeiten und von Fähigkeiten zur Konfliktlösung hilfreich sein.
[1] Leitbild von "Wildwuchs-Gesellschaft für ökologische Bildung", Hermesmühle 11a, 53773 HennefDen Naturerlebnis-PädagogInnen kommt die Aufgabe zu Erfahrungsräume bereitzustellen, die einen partnerschaftlichen Umgang mit Natur fördern. Ihr Tun sollte von folgenden pädagogischen Prinzipien geleitet sein:
1) Ganzheitliches LernenDer Mensch ist eine Einheit von Körper, Gefühl und Intellekt. Möchte man eine effektive und sinnvolle Form des Lernens in der Pädagogik anwenden, muß man alle drei Aspekte einer Person berücksichtigen und ansprechen (vgl. Pestalozzi).
Menschen nehmen ihre Umwelt demnach als ganze Person wahr, sowohl mit ihrem Verstand als auch mit ihren Gefühlen. Daher ist es für sie unmöglich, Dinge allein rational zu betrachten und zu bewerten. Immer spielen begleitende Emotionen eine Rolle. Dies bedeutet für Lernsituationen, daß die Gefühle, die beim Lernprozeß entstehen oder aus einem anderen Grund bereits vorhanden sind, mit einbezogen und angesprochen werden müssen. Nur so kann man die Person in ihrer Ganzheit einbeziehen und einen nachhaltigen Lernerfolg erzielen.
Sachverhalte dürfen im Sinne der Ganzheitlichkeit nicht zerstückelt und nur in Einzelteilen betrachtet werden. Erst in ihrer Ganzheit kann man ihre Inhalte verstehen und in ihrer Wirkung nachvollziehen. Ein Prinzip aus der Gestalttheorie besagt: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile"[9].Erst durch ihre Organisation werden Fakten, Sinneswahrnehmungen, Verhaltensweisen und Phänomene für den Menschen definierbar, nicht allein durch ihre Bestandteile.[10] Einzelne Dinge stehen zudem immer in einem Kontext, der sie beeinflußt und zu dem Wechselbeziehungen unterhalten werden.
Lernen in naturerlebnispädagogischen Seminaren sollte so weit wie möglich ganzheitlich erfolgen. Die TeilnehmerInnen sollen durch eigene Entdeckungen und Erlebnisse in der Natur angeregt werden, Fragen zu stellen und aus eigener Motivation heraus Dinge genau zu untersuchen. Ist ihre Neugierde geweckt und ihre intrinsische Motivation aktiviert, werden sie aus freien Stücken lernen, ohne, daß es jemand von ihnen verlangt.
Den LeiterInnen der Seminare fällt die Aufgabe zu, Möglichkeiten für ein ganzheitliches Lernen aus eigener Motivation heraus bereitzustellen.
2) Lernen in der GruppeLernen erfolgt in den naturerlebnispädagogischen Seminaren überwiegend in der Gruppe. Menschen sind von Natur aus auf Sozialkontakte und den Austausch über Sprache ausgerichtet. So ist z.B. "...die Herausbildung des Bewußtseins auf die Kommunikation mit der sozialen Umwelt angewiesen..."[11]. Dieses Bewußtsein ist wiederum eng mit der Wahrnehmung verknüpft. "Das Bewußtsein steuert also die Wahrnehmung, indem es die Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen der Umwelt richtet und sie selektiert."[12] Das Wahrgenommene wird in das Bewußtsein aufgenommen und reflektiert.
Zudem leben wir in einer Gesellschaft, die mündige und beziehungsfähige BürgerInnen zur Veränderung des bestehenden Umgangs mit Natur benötigt. In den Seminaren kann durch das Teilen von Erlebnissen mit anderen Menschen der Bewußtseinsförderung, der Wissensvermittlung und der Vermittlung von sozialen und persönlichkeitsbildenden Fertigkeiten Rechnung getragen werden. Darüberhinaus erleben wir in der Gemeinschaft unsere gegenseitige Abhängigkeit.
Gebhard stellt fest: "Die Dinge der Natur, die Dinge der Welt bekommen erst eine Bedeutung innerhalb der Beziehung zu lebendigen Menschen."[13] Dies gilt vor allem für Kinder, die eine gesicherte menschliche Beziehung besonders benötigen. In der kindlichen Entwicklung entsteht die Bedeutung der Naturphänomene in der Interaktion mit einem anderen Menschen und gleichzeitig in der Auseinandersetzung mit den Objekten. "Die Tönung, die die Beziehung zu den Dingen erhält, spiegelt auch die Tönung wieder, die in der Beziehung zu Bezugspersonen gelegen hat."[14]
Unsere Gesellschaft benötigt Menschen, die in der Gruppe aktiv werden und neue Lebensweisen erproben. Für das Leben und Arbeiten in Gemeinschaft müssen Menschen soziale Fertigkeiten besitzen, die sie in der Gruppensituation der Seminare einüben können.
Das soziale Lernen in der Gruppe erfolgt vielfach in der Interaktion zwischen den TeilnehmerInnen: "Da der Mensch ein dialogisches Wesen ist, kann er folglich nur im Zusammenhang mit seiner sozialen Umwelt zutreffend erkannt und bestimmt werden. Er ist somit nicht nur abhängig von seiner sozialen Umwelt, sondern er "ist" sie in einem hohen Maße. Er reproduziert und stellt Bewußtheiten, Einstellungen und Verhaltensweisen seiner Umwelt dar."[15]
Um in unserer Gesellschaft Dinge verändern zu können, ist es hilfreich, wenn man schon einmal erlebt hat, daß man innerhalb einer Gruppe etwas bewirken und den Gruppenprozeß beeinflussen kann. "Die pädagogische Aufgabe ist, die Veränderbarkeit einer Gruppe und die Relativität sogenannter Gruppenstrukturen für die jungen Menschen erfahrbar zu machen, so daß sie ermutigt werden, destruktive oder untergeordnete Reaktionsbereitschaften wieder aufzugeben und ihre Gemeinschaft zu ihrer Zufriedenheit zu entwickeln."[16]
Dies gilt nicht nur für junge Menschen, auch viele Erwachsene trauen sich nicht, bestehende Verhältnisse zu beeinflussen und ihre Meinung offen zu vertreten.
Nicht allen Geschehnissen in der Gruppe kann gleichzeitig Beachtung geschenkt werden. Daher verlangt die Gruppensituation von den LeiterInnen Flexibilität und eine Wahrnehmungsfähigkeit für das Wesentliche. Diese Merkmale sind notwendig, um sich in Situationen entscheiden zu können, welchen Prozessen man seine Aufmerksamkeit schenken kann und will.[17]
3) Vorleben statt LehrenIn der Entwicklung eines Kindes spielt das Lernen am Modell eine große Rolle. Durch das Zusehen und Nachahmen von Verhaltensweisen, die z.B. die Eltern ausüben, kann ein Kind sehr viel lernen.
Auch im Erwachsenenalter fällt es uns leichter, neue Verhaltensweisen nachzuahmen, wenn sie uns vorgelebt und nicht bloß verbal vermittelt werden. Den PädagogInnen fällt die Aufgabe zu, ein naturverträgliches Verhalten vorzuleben, sozusagen mit gutem Beispiel voranzugehen. Nicht der erhobene Zeigefinger darf in der Vermittlung ökologisch orientierter Wertvorstellungen dominieren, sondern die freie Entscheidungs- und Wahlmöglichkeit. So kann halbherzigem Verhalten aus einem schlechten Gewissen heraus vorgebeugt werden. Lebe ich als Leiterin meiner Gruppe ein Leben im Einklang mit Natur vor, ohne sie zu bedrängen, es mir gleichzutun, haben sie die freie Entscheidung, meine Sichtweisen anzunehmen oder abzulehnen. Wird ihr Interesse geweckt, stellen sie Fragen und suchen selbständig nach Wegen, es mir gleichzutun. Hilfestellungen von außen können von ihnen nun dankbar angenommen werden.
Jeder Mensch muß das Recht behalten, für sich selbst zu entscheiden, wann und wie er an Dinge herangeht. Die PädagogInnen müssen die Selbstverantwortung des einzelnen Menschen akzeptieren. Sie können nur helfen, die Gründe für die Vermeidungen und Widerstände bewußt zu machen.
Eine Methode, Gedanken und Gefühle bewußt zu machen, ist die Reflexion. Nicht nur die TeilnehmerInnen, sondern auch die LeiterInnen der Seminare sind aufgefordert, ihr Verhalten und ihre Erlebnisse in der Natur zu reflektieren. Die PädagogInnen müssen bereit sein, sich selbst auf Naturerfahrungen einzulassen und andere Menschen danach an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Sie müssen in ihrem Verhalten authentisch sein und ein naturverträgliches Verhalten vorleben.
4) Freiwilligkeit und SelbstverantwortungJedem Menschen wird die Eigenständigkeit zugesprochen, seine Weiterentwicklung selbst zu bestimmen. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, daß er nur Dinge aufnimmt, die er für die Erhaltung und Erhöhung der Struktur seines Selbst als wichtig erachtet.[18] Reichel / Scala gehen von einer "Eigengesetzlichkeit des Lebendigen" aus, d.h. das menschliche Verhalten ist nicht steuerbar von außen, jeder Mensch baut "in seiner Wahrnehmung für sich und in [19].
Walter führt hierzu das gestalttherapeutische Paradoxon der Veränderung an: "Nicht werden, was man nicht ist, sondern sein, was man ist." Sie [die Gestalttherapie] geht somit von der positivistischen Sicht aus, daß jeder Mensch letztendlich die beste Entscheidung über sein Leben selbst treffen kann und muß.[20]
Die TeilnehmerInnen nehmen freiwillig an den Übungen und Spielen der Seminare teil. Niemand wird gezwungen oder bedrängt. Die Selbstverwirklichung des Menschen ist ein Ziel.
Neben einer freiwilligen Entscheidung zur Teilnahme und der Verantwortung für das eigene Handeln, müssen die TeilnehmerInnen (Erwachsene genauso wie Kinder) Freiräume in der Natur zur Verfügung gestellt bekommen. "...die Spannweite von Naturerfahrungen zwischen Kontinuität und ständiger Neuigkeit kann nicht unter Aufsicht erfahren werden, sondern muß wohl in kleinen, aber selbständigen Schritten erschlossen werden. Ein wesentlicher Wert von Naturerfahrungen besteht also offenbar in der Freiheit, die sie vermitteln (können)."[21]
Hier werden die LeiterInnen aufgefordert, möglichst viel Zeit für eigene Entdeckungen und selbständige Lösungsversuche bereitzustellen, ohne die Vorgehensweise zu sehr vorzugeben.
5) Gewaltfreiheit und ToleranzKonflikte in der Gruppe werden gemeinsam im Gespräch gelöst. Gewalttätige Auseinandersetzungen werden nicht geduldet. Die TeilnehmerInnen sollen lernen, sich verbal gegen Angriffe zur Wehr zu setzen.
Zusätzlich erfahren sie, daß Unterschiedlichkeit nicht bedrohlich und negativ sein muß: "Die Natur bietet eine unermeßliche Vielfalt an Formen, Farben, Lebensweisen. Die Wahrnehmung dieser Vielfalt schließt auf für die Grunderfahrung, daß andere (Kollegen, Nachbarn, Ausländer, politische Gegner) anders sind und daß dies ein völlig natürlicher Zustand, ja sogar nötig und positiv ist. Die Vielfalt der Natur ist nicht ein Nebeneinander, sondern wahrnehmbar ein äußerst produktives, schönes, organisches Miteinander. Vielfalt in der Konsumwelt hingegen bedeutet Gegeneinander (Konkurrenz) oder zumindest beziehungsloses Nebeneinander. Vielfalt in der Natur bedeutet auch, daß es keine "Uniformiertheit" gibt. Es gibt nicht "das perfekte Rotkehlchen". Überall prägt sich individuelle Form aus und überall wirken die äußeren Kräfte anders ein, so daß ideale Formen nur als Zeichnung in Lehrbüchern auftreten. In der Übertragung heißt das: "Den perfekten Menschen" gibt es nicht, sondern lebendige Vielfalt."[22]
Die TeilnehmerInnen nehmen diese Unterschiedlichkeit und Individualität in der Natur wahr und übertragen diese Erkenntnis auf ihre Wahrnehmung von Menschen. Rassenhaß und das Streben nach Vollkommenheit verlieren ihre Grundlage. Die LeiterInnen der Seminare stehen vor der Aufgabe, auf diese Begebenheiten hinzuweisen und Gewaltfreiheit und Toleranz vorzuleben.
In der Auseinandersetzung mit der Natur lernen die TeilnehmerInnen zudem Polaritäten auszuhalten und Gegensätze nebeneinander bestehen zu lassen. Schaefer schreibt hierzu: "...es gibt im Leben immer zu jedem Grundphänomen auch das entsprechende Gegenphänomen; beide sind wichtig, je nach Situation, und das Lebewesen hat einen Kompromiß zwischen Pol und Gegenpol zu finden. Das geschieht grundsätzlich auf zweierlei Weise: zum einen sukzedan durch Pendeln zwischen den Polen (die zeitliche Lösung des Integrationsproblems), zum anderen simultan durch gleichzeitiges Verwirklichen der widersprüchlichen Erfordernisse in verschiedenen, voneinander abgegrenzten Bereichen (die räumliche Lösung des Integrationsproblems)."[23]
Die Kunst ist hierbei, in einem rhythmischen Hin- und Her- Pendeln zwischen den Polen die Mitte zu finden, ohne mittelmäßig oder gleichgültig zu werden.[24] In der Auseinandersetzung mit Natur erkennen die TeilnehmerInnen, daß das Prinzip der Polarität auch ein ökologisches Grundprinzip für alle Lebewesen ist: "gleichzeitig selbständiger Organismus und Organ eines übergeordneten Ganzen".[25] Die Polaritäten sind z.B. Leben und Tod, Selbständigkeit und Abhängigkeit, Ordnung und Chaos, Angst und Liebe, Bewegung und Beruhigung, Individualität und Gemeinsamkeit, Verwandlung und Fixierung, Distanz und Nähe, Abgrenzen und Öffnen.
Auch hier gilt wieder, daß die LeiterInnen der Seminare eine Haltung vorleben, die von Gewaltfreiheit und Toleranz geprägt ist und den TeilnehmerInnen Hilfestellung geben, ebenfalls eine solche Haltung einzunehmen.
6) Freude im SpielDie TeilnehmerInnen sollen in der Gruppe Freude im gemeinsamen Tun erleben und sich dabei entspannen können. Die Seminare sollten daher eine freundliche, angstfreie und entspannte Atmosphäre ausstrahlen. In einer Gruppe gemeinsam zu spielen ist oftmals hilfreich, um ein lockeres und vertrautes Klima herzustellen. Spielen ist eine "Grundkategorie des menschlichen Seins"[26] und nimmt in den Seminaren daher eine große Rolle als Methode ein. Spiel hat positive Auswirkungen auf die Entwicklungen von Phantasie, Intelligenz und sozialem Verhalten. Im Spiel lassen sich Konflikte erfahren und austragen, denn oftmals läßt sich durch das Spiel die Atmosphäre entkrampfen und eine Aussprache in einem gelösten Gespräch wird möglich. Die Spielregeln helfen Verhaltensweisen, die für BürgerInnen eines Staates wichtig sind, z.B. Mündigkeit, einzuüben. Regeln müssen eingehalten, aber auch auf ihre Sinnhaftigkeit hinterfragt werden.[27]
Die LeiterInnen müssen den TeilnehmerInnen Zeit und Freiräume geben, damit sie Erfahrungen in den Spielsituationen sammeln und Experimente im Verhalten machen können, ohne daß von außen korrigierend eingegriffen wird. So können sie selbständig zu Lösungen gelangen und dadurch Ausdauer, Geduld, Geschicklichkeit im Umgang mit Dingen und Flexibilität im Denken erlernen.[28]
7) ErnstcharakterIn den naturerlebnispädagogischen Seminaren nehmen Spiel und Spaß sehr viel Raum und Zeit ein. Aber auch Lerninhalte mit Ernstcharakter finden ihren Platz. Die TeilnehmerInnen kommen in den Seminaren in unmittelbaren Kontakt mit Natur und somit mit dem Leben. Sie erfahren, daß die Natur nicht nur zahm und schutzbedürftig ist, sondern auch grausam und gefährlich sein kann. Zudem erkennen sie oftmals ihren Anteil an der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, was Betroffenheit auslösen und Ängste bewußt werden lassen kann. Mögliche Ansätze zur Verhaltensänderung und Angstbewältigung können gefunden werden.
Kinder lernen im Umgang mit Natur Spiel und Ernst zu unterscheiden. Kinder und Erwachsene lernen, daß ihr Bedürfnis nach Spaß dort begrenzt werden muß, wo es andere Lebewesen gefährden kann, so z.B. nicht durch Unterwuchs im Wald zu laufen, da sich dort viele Tiere aufhalten, die dabei verletzt oder getötet werden können. Aber sie erfahren auch, daß sie genügend Raum für sich finden können, ohne sich über die Regeln in der Natur hinwegsetzen zu müssen.
[9] Walter 1992, S.35| Home | © 2000 Martina Morenzin, NaturErlebnisBüro Letzte Änderung am 02.01.2003 webmaster@naturerlebnisbuero.de |